Götterdämmerung – Ein Opernbericht

by admin

Ich komme gerade aus der Oper. Ich hatte noch nicht viele Opernbesuche in meinem Leben.
Ein kurzer erster Erfahrungsbericht: Zu sehen gibt es Wagners Ring des Nibelungen. Dieser besteht aus vier Teilen.
Alle Teile binnen kurzer Zeit, innerhalb ein paar Tage, also quasi am Stück zu sehen, ein kulturelles Großereignis.
Dann auch noch in München, dem Ort, an dem zwei Teile vor über hundert Jahren ihre Uraufführung hatten, ein Lebensereignis.
Dem entsprechend das Publikum. Menschen, die Richard Wagners Biografie besser kennen als er selbst.
Regie führt ein in der Theaterszene nicht unbekannter Andreas Kriegenburg. Für mich auch ein Kaufgrund für die Karten.
Tolle Inszenierung bisher. Kriegenburg interpretiert nicht, sondern erzählt poetisch.
Ich halte das für die bessere Variante und ihn für einen großen Inspirationsquell, aber darum soll es hier nicht gehen.
Nach allem, was ich gelesen, gehört und selbst wahrgenommen habe, dirigiert Kent Nagano professionell, gut und treu.
Alles in allem lehnt man sich nirgends weit aus dem Fenster.
Man macht es ihnen leicht, den Wagner-Hardcorefans. Den Wagnerianern.
Es ist nun der zweite Abend. Die Walküre. Jeder im Saal weiß, der dritte Aufzug (Akt), in unserem Falle direkt nach der Pause, eröffnet mit dem wohl bekanntesten Werk, dem Ritt der Walküre. Saal füllt sich. Es wird dunkel. Das Orchester sitzt erleuchtet im Graben.
Vorhang auf. Man sieht das Setting. Ein Schlachtfeld, durch das die Walküren gleich reiten.
Doch wo bleibt die Musik? Sechzehn weibliche Statistinnen, (insgesamt gibt es 100 Männer und Frauen, die vom Fluß bis zum Personal bis zum Wurm durch alle Teile hinweg alles grandios und mit unterschiedlichsten Mitteln darstellen), symbolisieren in diesem falle die acht Pferde. Und zwar tänzerisch. Lange rede. Kurzer Sinn. Vorhang auf. Tanzperformance. 16 Mädchen tanzen wilde Pferde. Musikalisch unvertont. Aus dem Graben noch kein einziger Ton.
Insgesamt wird dieses tänzerische Vorspiel nicht länger als 3 Minuten dauern.
Bereits nach der Hälfte der Zeit ertönen die ersten Buhrufe aus dem Parkett, “Es reicht.” “Aufhörn.”
Und das in einem Saal in dem ansonsten komplette Stille herrscht.
Es gibt einen kleinen Schlagabtausch im Publikum. “Buh” gegen “Bravo”. Einige klatschen ich “pfeife” für die Tänzerinnen.
Orchester setzt ein. Ritt der Walküren. Spuk vorbei. Alles wieder ruhig. Weiter nach Plan.

Mich stört sowas nicht. Ich mag es, wenn das Publikum Stellung bezieht, auch wenn es polemisch ist.
Bin ein Freund von Reibung.
Dennoch zeichnet es für mich als Theaterjungen ein seltsames Bild von der Oper.
Und auch wenn man weiß, dass hier die schlimmsten, verbohrtesten Hardcorefans sitzen, so stelle ich mir doch ein paar Fragen.
Allen voran, was muss das für eine langweilige Einrichtung sein, in der man mit so einem Regiekniff solch eine Reaktion hervorruft?
Kann man hier noch so leicht provozieren? Bei einem 16-stündigen Werk, das man treu, Wort für Wort und Note für Note vom Blatt spielt, erdreistet sich der Regisseur eine dreiminütige Tanzeinlage vorneweg.
Hätte die Pinkelpause drei Minuten länger gedauert, hätte es niemanden gestört, aber so setzt man Wagners Vorspiel ein eigenes Vorspiel voran. Und das geht nicht. Denn Wagner ist Gott. Was sollte davor bitte kommen?
Und was hat es überhaupt mit diesem musikalischen Reinheitsgebot auf sich, das, wird es gebrochen, gleich den Stolz der arischen Mittelschicht zu Empörungsrufe treibt?
Im Theater werden Texte zerrupft, zerstückelt, zertanzt und gestrichen. Mit und ohne Instrumenten. Zu falschen und richtigen Noten. Laut. Leer. Nackt. Lang. Kurz. Tagtäglich.
Aber hier halten sich die treuesten an den niedergeschriebenen Noten und Worten fest und verwehren sich selbst und den Andren diesen großartigen Raum, mit all den großartigen Künstlern und den endlosen Möglichkeiten. Man versperrt vieles, was Experimente zu Tage fördern könnten. Man verwehrt sich der künstlerischen Freiheit. Alles der Werkstreue zum Opfer, zum eigenen Leid.
“der durch Verträge ich Herr, den Verträgen bin ich nun Knecht.”

Weiter fragt man sich, wieso es meist genau die Personen sind, die einen für jedes leise Geräusch, das man von sich gibt, mit Todesblicken bestrafen, weil man ihnen gerade in ihr Lebensereignis gehustet hat, Während sie sich selbst und absichtlich erdreisten, in vielleicht meinen schönsten Moment zu brüllen und ihn somit bewusst zu stören.
Diese göttergleiche Überheblichkeit.
Und wenn man es schon mit Wagnerianern zu tun hat, dann darf man es sich auch erlauben, kurz mit Wagner zu argumentieren.
Denn Wagner wollte mit dem Ring eigentlich ein Happening schaffen, eine einmalige Sache, die am Ende abgerissen oder niedergebrannt wird.
Kann ich nur sagen, wer da noch nicht am Leben war, Pech gehabt. Jetzt dürfen wir bitteschön auch damit machen, was wir wollen.
Könnt ihr froh sein, wenn es mal einigermaßen werkstreu wieder wo kommt. Aber der Anspruch darauf ist vorbei.
Vielmehr noch suchte Wagner aber das Erlebnis, die künstlerische Erfahrung. Eine Mischung aus allem, was es damals gab.
Ein Revolutionär im Musiktheater mit neuen Wegen und Ideen.
Und genau das hat keiner von denen verstanden, die ihn so hoch halten und hier eine Tanzeinlage abstrafen. Die keinen Wimpernschlag für neues offen sind. Allgemein habe zumindest ich persönlich den Eindruck, bei solch einer Veranstaltung an einem Ort zu sein, an dem Etikette, Knigge und Co. bedeutend wichtiger sind als jede künstlerische Erfahrung.
Kaum junge Menschen. Alte Menschen in seltsamer Kleidung. Das pure Opernklischee ist kein Klischee, sondern Wahrheit.
Und ich lobe alle Wege, die bereits gegangen werden, und alle Mittel, die man ergreift, um die Oper ein Stück weit wieder denen zu geben, denen sie gehört. Nämlich uns allen. Ausnahmslos. Denn die, die sich starrsinnig, erhaben in ihren Logen verschanzen,
die wissen genau, was ihnen am Ende dämmert.

Und ich kann es kaum erwarten.

“so werf ich den Brand
in Walhalls prangende Burg.”